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FOCUSING

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WAS IST MIT „FOCUSING" GEMEINT?

Focusing ist ein von Eugene T. Gendlin geprägter Name für eine bestimmte Art und Weise, mit dem eigenen, von innen gefühlten Körper in Beziehung zu treten. „Focusing nenne ich die Zeit ( ein paar Sekunden oder Minuten ), in der ich mit etwas bin, das ich im Körper spüre – zwar noch vage, aber ich weiss schon, dass es etwas mit meinem Leben zu tun hat (1993)". Das vage, noch unklare, aber körperlich schon Gespürte, das sich immer auf etwas im Leben bezieht, nennt Gendlin Felt Sense. Aus dem Verweilen mit dem Felt Sense ergeben sich Schritte der Veränderung.

Gendlin hat die Bedingungen, Haltungen und unterstützenden Verhaltensweisen für das Zustandekommen dieser Veränderungsschritte genau untersucht und beschrieben. Daraus hat sich Focusing als eine Methode entwickelt, die inzwischen in vielen persönlichen und beruflichen Bereichen Anwendung findet ( Entspannung und Stressreduktion, Kreativität und Kunst, Organisation und Management, Pädagogik und Didaktik, Spiritualität und Meditation, Alltags- und Problembewältigung, Beratung und Gruppenarbeit u.v.m. ) . Am weitesten ausgebaut ist Focusing in der Selbsthilfe ( z.B. Partnerschaftliches Focusing), in der Psychotherapie ( Focusing-Therapie ) und als phänomenologische Methode in der Philosophie ( After-Post-Modernism).

Focusing hat seine Wurzeln einerseits im personenzentrierten Ansatz und in der klientenzentrierten Psychotherapie ( Gendlin war viele Jahre Schüler und Mitarbeiter von Carl Rogers und dann sein Nachfolger an der Universität Chicago ), andererseits in der phänomenologischen und existentiellen Philosophie ( v.a. Dilthey, Husserl und Heidegger), aber auch in Wittgensteins Sprachphilosophie und im amerikanischen Pragmatismus. Besonders als Forschungsdirektor des sogenannten Wisconsin-Projektes hat Gendlin aus den klinischen Erfahrungen der klientenzentrierten Therapie mit unmotivierten und psychotischen Patienten weiterführende Schlüsse hinsichtlich therapeutischer Einstellungen ( Achtsamkeit, Absichtslosigkeit ) und Verhaltensweisen ( Begleiten, Zuhören) machen können. Entscheidend für die Ausarbeitung von Focusing als Methode war die von ihm und Mitarbeitern empirisch untersuchte Fragestellung, ob und wie man erfolgreich ausgehende Therapien schon frühzeitig von erfolglosen unterscheiden könne.

Er fand, dass das signifikante Vorsagekriterium weder die vom Therapeuten angewandte Technik, noch die vom Klienten vorgebrachten Inhalte ist, sondern die Art und Weise, wie sich der Klient auf sein Erleben bezieht: ob er Bezug nimmt zu den noch unklaren, aber schon gespürten Aspekten seines Erlebens ( Felt Sense, implizit), oder bloss zu den schon expliziten Erlebeninhalten. Da dies schon aus den Tonbandaufnahmen und Transkripten der zweiten Therapiesitzung ablesbar war, mithin „erfolglose" Klienten schon zu Therapiebeginn identifizierbar waren, entwickelte er Methoden, diese erfolgsversprechende Art und Weise des Bezugnehmens zum eigenen Erleben auch für diese Klienten lehr- und lernbar zu machen. Seither wird Focusing in vielen Ländern der Welt innerhalb und ausserhalb des psychotherapeutischen Kontextes unterrichtet und praktiziert.

( Definition laut Focusing Journal Mai 2000, Seite 16-17 )

 

Der innere Akt des Focusing lässt sich in sechs Hauptteile oder –bewegungen aufteilen. Sobald man darin einige Erfahrung hat, wird man den Prozess als ein Ganzes und nicht mehr in verschiedene Teile zergliedert durchführen können. Diese Aufteilung lässt ihn mechanischer erscheinen, als er ist. Gendlin hat den Prozess auf diese Weise unterteilt, weil er aus jahrelanger Erfahrung zu der Einsicht gekommen ist, dass es eine gute Methode ist Focusing zu vermitteln.

Die kurze Beschreibung der sechs Focusing-Bewegungen soll lediglich als Einführung betrachtet werden. Grundkenntnisse können später erweitert, vertieft und aus anderen Blickwinkeln betrachtet werden.

Gendlin’s Anleitung zum Focusing in kurzer Form beginnt wie folgt:

  • FREIRAUM SCHAFFEN

Erst bitte ich Sie, einmal ganz ruhig zu sein. Entspannen Sie sich einen Moment. Nun achten Sie auf ihr Inneres, auf Ihren Körper, vielleicht auf Ihren Magen oder Ihre Brust. Achten Sie darauf, was dort vor sich geht, wenn Sie fragen: „ Wie steht es mit meinem Leben? Was ist im Moment für mich das Wichtigste?" Horchen Sie auf Ihren Körper und lassen Sie die Antworten langsam von dort kommen. Wenn etwas auftaucht, dringen Sie nicht hinein. Treten Sie einen Schritt zurück, sagen Sie: „Ja. Das ist da. Ich kann es hier fühlen." Lassen Sie einen kleinen Raum offen zwischen ihm und Ihnen. Dann fragen Sie, was Sie sonst noch fühlen. Warten Sie erneut auf die Antwort. Normalerweise sind es mehrere Dinge.

  • EINEN FELT SENSE KOMMEN LASSEN

Wählen Sie eines unter den soeben aufgetauchten Problemen aus. Dringen Sie aber nicht hinein. Treten Sie einen Schritt zurück. Natürlich hat das Problem, mit dem Sie sich beschäftigen, viele Aspekte- zu viele, um an jeden davon einzeln zu denken. Sie können aber alle diese Aspekte gleichzeitig fühlen. Achten Sie auf die Stelle, an der Sie gewöhnlich Gefühle empfinden und sehen Sie, welches Gefühl das Problem in seiner Gesamtheit in Ihnen auslöst. Lassen Sie dieses komplexe Gefühl auf sich wirken.

  • DEN FELT SENSE BESCHREIBEN: EINEN „GRIFF" FINDEN

Welcher Art ist dieser unklare „Felt Sense"? Lassen Sie ein Wort, einen Satz, ein Bild aus dem „felt sense" entstehen. Es kann ein Eigenschaftswort sein wie „eng, schmutzig, angsteinflössend, blockiert, schwer, nervös," ein Satz oder ein Bild. Bleiben Sie in Berührung mit dem „felt sense", bis Worte oder Bilder kommen, die genau dazu passen.

  • VERGLEICHEN

Gehen Sie hin und her zwischen dem felt sense und dem Wort (oder Satz oder Bild). Prüfen Sie, wie gut beide zusammenpassen. Achten Sie darauf, ob ein kleines körperliches Signal Ihnen bestätigt, dass Sie das richtige Wort gefunden haben.

Um das herauszufinden, müssen Sie sich sowohl den „felt sense" als auch das Wort vergegenwärtigen.

Wenn sich der „felt sense" verändert, muss sich auch das Wort oder das Bild verändern, bis es genau die Eigenschaft des „felt sense" trifft.

  • FRAGEN

Nun fragen Sie: „Woran liegt es, dass dieses Problem in mir dieses bestimmte Gefühl hervorruft?" (das Sie soeben benannt oder mit einem Bild umschrieben haben).

Achten Sie dabei darauf, dass Sie den „felt sense" wieder spüren, frisch und lebendig (und nicht nur in der Erinnerung). Wenn er da ist, berühren Sie ihn, fühlen Sie ihn, fragen Sie: „Was ist in diesem Gefühl?" Sollten Sie darauf eine schnelle Antwort erhalten, ohne dass ein „shift" im „felt sense" eintrifft, lassen Sie diese Antwort an sich vorübergehen. Wenden Sie ihre Aufmerksamkeit wieder Ihrem Körper zu und suchen Sie den „felt sense", bis die Antwort mit einem „shift", einer körperlichen Erleichterung und Entspannung, eintritt. 

  • ANNEHMEN UND SCHÜTZEN

Nehmen Sie alles, was mit einem „shift" kommt, in einer freundlichen Haltung entgegen. Lassen Sie es eine Weile auf sich wirken, selbst dann, wenn es nur eine leichte Entspannung war. Was auch immer kommt, es handelt sich nur um einen einzelnen „shift" unter mehreren, die noch eintreffen werden. Nach einer kleinen Weile werden Sie weitermachen wollen, doch vorerst halten Sie einen Moment inne.

Wenn Sie beim Lesen dieser Anleitung irgendwo eine kleine Weile damit verbracht haben, auf ein unklares, umfassendes körperliches Empfinden eines Problems zu horchen, war das Focusing. Es spielt dabei keine Rolle, ob ein Body Shift eintrat oder nicht. Er kommt ohne unser Dazutun. Wir haben keine Kontrolle darüber.

 

(Anleitung aus: Gendlin, Eugene T.: Focusing. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998.)

 

Focusing ist, verankert in seinen klientenzentrierten Wurzeln, eine eigenständige Therapieform, kann jedoch auch in jede andere Therapierichtung integriert werden.

Laut Gendlin, ist in der Psychotherapie oder in der Beratung das Wichtigste die Beziehung, und das Zweitwichtigste das Zuhören (listening) und das Zurücksagen (Spiegeln), und die Focusing-Instruktionen kommen erst als Drittes. Focusing muss also im Rahmen einer Beziehung, die sich gut anfühlt, vor sich gehen, und in dem Moment, in dem die Beziehung irgendwie nicht klappt, muss man gleich alles andere lassen und die Beziehung wieder herstellen.

 

Lektüre zum Einlesen:

Gendlin Eugene T. : Focusing

Ann Weise Cornell: Focusing – Der Stimme des Körpers folgen

Martin Siems: Dein Körper weiss die Antwort

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