Home  Druckversion  Sitemap  last update 31.08.2014

Artikel Revue

 

Tour de Luxe

Manchmal reicht wenig: Ein Mountainbike, gutes Wetter und eine reibungslose Organisation bedeuten an drei Tagen das kleine große Glück vor der eigenen Haustür.

 

Text: Chrëscht Beneké chrescht.beneke@revue.lu

Fotos: Roland Miny

Nach fest kommt futti! Bereits auf den ersten Metern nach dem Start am Escher Emile Mayrisch Stadion wird geschraubt und die luxemburgische Version der ewigen Mechanikerweisheit gibt für die weiteren Tage die Richtung vor: mehr oder weniger kompetente gegenseitige Hilfe und Spaß haben. Die saarländische Fraktion quittiert den Spruch mit lächelndem Kopfschütteln. Weder diese vier, noch die paar Franzosen aus dem nahen Grenzgebiet bewegen sich zum ersten Mal auf luxemburgischem Boden.

Doch sogar die erfahrensten der luxemburgischen Mountainbiker nehmen in den drei Tagen viele ihnen unbekannte Wege unter die grobstolligen Räder. Auf den Single-Trails, einspurigen und meist nicht ganz einfach zu fahrenden Wegen der namensgebenden Terres rouges kennen sich einige noch bestens aus. Doch spätestens als die Etappe des ersten Tages nach 35 Kilometern über den Kayler Poteau und Düdelingen durchs französische Grenzland Richtung Mosel dreht, betreten auch sie Neuland.

Um die Wegführung müssen wir uns hingegen nicht kümmern: Gilles Stoffel, seines Zeichens Chefanimateur der Jugendherbergen, kurbelt vorneweg. Es ist der schöne Luxus geführter Touren, an Weggabelungen nicht immer eine topografische Karte rauskramen zu müssen, sondern gleich einen Schuldigen für die – wenigen – Verfahrer zu haben. Gilles nimmt die Verantwortung mit Gelassenheit und die Sticheleien mit Humor. Die Anspannung merkte man ihm beim Start und auf den ersten schwierigen Kilometern noch deutlich an.

Mittlerweile kennt er die technischen und konditionellen Fähigkeiten seiner Schäfchen besser und genießt beruhigt die schöne Gegend der Mosel. Sein erklärtes Ziel ist es, die zwei Dutzend Teilnehmer und Guides am Sonntag wohlbehalten zur Jugendherberge im hauptstädtischen Grund zu bringen.

Die Definition von Luxus unterliegt dem sozialen Wandel, wird von wechselnden kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren geprägt. Die bunte Truppe aus der Großregion, aus unterschiedlichen sozialen Schichten und völlig verschiedenen Berufen vom Arbeiter über den Polizisten bis zum privaten oder staatlichen Schreibtischtäter kann sich diese drei Tage problemlos auf eine Luxusdefinition einigen: Wir genießen es, uns kurz aus dem Alltagstrott auszuklinken, unsere sportliche Herausforderung über 200 Kilometer und 3.000 Höhenmeter zu suchen und abends in der Jugendherberge bei einem Bierchen über Gott und die Welt zu klönen. Natürlich drehen sich viele Gespräche um die zwei Räder, die diese Tage unsere Welt bedeuten, doch kommen wir uns schnell näher und sogar die Tabuthemen in Gesprächen mit nahezu Unbekannten, Religion und Politik, werden frontal angegangen. Die üblichen Formalitäten werden schnell abgelegt. Schließlich legt man sich später auch zu viert in ein Zimmer der modernen Jugendherberge in Remerschen, obwohl das eigene Bett weniger als eine Autostunde entfernt wäre. Allerdings nicht gleichzeitig, da eine Firma im Hof bei Lagerfeuer und Sternenhimmel feiert und die Härteren unter den Bikern im besten Mannesalter einige Stunden mitfeiern. Obwohl am nächsten Tag wieder 70 Kilometer und gleich nach dem Start knackige Anstiege anstehen.

Beim Start um zehn Uhr bringt der erste Anstieg uns über den frühherbstlichen Nebel des Moseltals und zu traumhaften Ausblicken über die geschwungenen Linien der Weinberghügel. „Wir Luxemburger wissen gar nicht, wie schön unser eigenes Land ist", gibt jeder Teilnehmer wenigstens einmal an dem Wochenende von sich. Mit dem Mountainbike haben fast alle zwar bereits einige, aber längst nicht alle Ecken des Landes ausgekundschaftet und sind doch immer wieder überrascht von neuen Aus- und Einblicken in die vielfältige großherzogliche Landschaft und Natur.

Einzige Ausnahme ist vielleicht Bim. Der 63-jährige Bim Jomé fährt als Guide am Ende der Sonnenscheingruppe und erkundet unermüdlich die schönsten Straßen und Wege. Früher zu Fuß, seit 13 Jahren auch auf dem Mountainbike und seit 26 Jahren als freier Mitarbeiter des hauptstädtischen Service des Sports. Gemeinsam mit dem Jugendherbergsverband richtet dieser zum dritten Mal die Tour de Luxembourg aus und wie einige Wiederholungstäter ist der drahtige Pensionär bei jeder Auflage dabei. Er kennt so ziemlich alle Wege des Wanderparadieses Luxemburg und arbeitet jedes Jahr eine andere Strecke aus. Seine Vitalität und Lebensfreude gibt allen Teilnehmern Hoffnung aufs Alter. Bloß seine lästige Angewohnheit, auch technisch anspruchsvolle Passagen ebenso entspannt wie sicher zu fahren, gibt den halb so alten Fahrern beim Schieben ihres Rades zu denken. Leistungsdruck gibt es trotz Sprücheklopfens hingegen keinen und hinter der recht homogenen ersten Gruppe fährt die Sonnenscheingruppe einen etwas gemütlicheren Rhythmus. Die vielen traumhaften Wege von der Jugendherberge in Bourglinster über Fischbach, Larochette, Mersch und Kopstal bestehen jedoch aus Kraft raubendem Sandboden, was einige am letzten Tag an die persönliche Leistungsgrenze bringt. Dafür schafft es Dany Engel-Portzenem mit ihrem breiten, sonnigen Lächeln als Wegweiserin dieser Gruppe, jeden bis zum Ziel in Luxemburg-Stadt zu motivieren. Zudem steht alle zehn Kilometer ein „Besenwagen" mit Ersatzrad, Essen und Getränken bereit.

Dass ich als „Super Chrëscht" die letzten vierzig Kilometer auch in der zweiten Gruppe fahre, ist willkommener Anlass zu Lästereien. Dabei ist „Super Chrëscht" einfach noch in Urlaubsstimmung und konnte in Larochette beim Warten auf die hintere Gruppe die spätsommerliche Sonne und den herrlichen Ausblick auf die mittelalterliche Burg genießen. Übrigens wird die Sportserie „Super Chrëscht" fortgesetzt, allerdings zur Rentrée in überarbeiteter Form und in unregelmäßigen Abständen. Dazwischen gibt es dann auch immer wieder für die Revue-Leser die Möglichkeit, selber aktiv zu werden: Etwa bei der goldenen Herbstwanderung am 23. und 24. Oktober oder einer ähnlichen Mountainbike-Tour vom 6. bis zum 8. Mai 2011.

Infos finden Sie unter www.youthhostels.lu und www.biker.lu, sowie in Ihrer Revue.

 

 

 
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